Pressemitteilung vom 20. Juni 2007
Französischzwang an der Rheinschiene – Kultusminister Rau im Abseits
Letzte Chance verpasst, auf die Eltern zuzugehen
Die beiden grünen Landtagsabgeordneten Renate Rastätter und Gisela Splett bedauern, dass Kultusminister Rau in Karlsruhe seine letzte Chance verpasst hat, den geordneten Rückzug aus dem unsäglichen Französischzwang an der Rheinschiene anzutreten und auf die Eltern zuzugehen.
„Er hat sich der Diskussion gestellt, das war das einzig Positive an seinem Auftritt in Karlsruhe“, stellen Rastätter und Splett fest, „aber zu spät und ohne einen Millimeter von seiner bisherigen Position abzuweichen“.
Im Gegensatz zu den Eltern, die fundiert die gravierenden Nachteile des Zwangs, Französisch als erste Pflichtfremdsprache im Gymnasium erlernen zu müssen, aufgezeigt haben, hat sich Rau erneut darauf beschränkt, gebetsmühlenhaft zu behaupten, dass alle Kinder ausreichend Latein und Englisch lernen können. Er hat erneut auf die „französische“ Variante des Biberacher Modells verwiesen, bei dem die Kinder zunächst Französisch und Latein lernen und ab der siebten Klasse Englisch dazu nehmen dürfen.
„Ein Ladenhüter, bereits vor der Einführung“, kommentieren die beiden grünen MdLs diesen Vorschlag, bei dem der Minister zudem verschweigt, dass die Schülerinnen und Schüler dann in der siebten Klasse drei Fremdsprachen lernen müssen, was gerade für naturwissenschaftlich begabte Kinder faktisch ausgeschlossen ist.
Minister Rau hat versucht, sich mit Halb- und Unwahrheiten aus der Affäre zu ziehen, während die Eltern ihn um eine präzise Antwort auf ihre Argumente gebeten hatten. So behauptete er nach wie vor, wegen des Stellenmarkts im handwerklichen Bereich im Elsaß müssten die Schüler Französisch als erste Fremdsprache lernen. Er musste sich prompt von Eltern und einem Schüler der 12. Klasse belehren lassen, dass dann die Verpflichtung, Französisch zu lernen, an der Haupt- und Realschule angezeigt wäre und gerade nicht im Gymnasium, denn diese Schülerinnen und Schüler ziehen zum Studium in der Regel aus der Rheinschiene weg.
Wie unzugänglich Rau jeder sachlichen Argumentation ist, zeigte sich u.a. daran, dass er wieder behauptet hat, die Eltern und die Grünen würden „ein individuelles Elternwahlrecht“ bei der Sprachenfolge am Oberrhein fordern und dass dies nur mit höherem Ressourceneinsatz möglich wäre. Dabei ist dem Kultusminister bekannt, dass der Antrag der Grünen, der im Landtag namentlich abgestimmt wurde, genau wie die Forderung der Eltern ausschließlich begehrt, das bisherige Sprachenangebot - ohne Mehrkosten und bedarfsorientiert - auch künftig aufrechtzuerhalten.
Völlig unbegreiflich ist, wie Minister Rau sich ohne Not in eine solch ausweglose Situation hineinkatapultiert hat, denn die meisten Schülerinnen und Schüler am Oberrhein würden doch ohnehin Französisch im Gymnasium lernen.
Die beiden Abgeordneten kritisieren aber auch die CDU-Fraktion und die FDP-Fraktion im Landtag. Es wäre die Aufgabe der CDU-Abgeordneten gewesen, Minister Rau rechtzeitig zum Einlenken zu bewegen, statt sowohl in der entscheidenden Landtagsdebatte als auch im Schulausschuss die Position des Ministers vehement zu verteidigen.
Ohnehin hat sich die FDP in dieser wichtigen Frage nicht mit Ruhm bekleckert, sondern ihren Ruf als Umfallerpartei gefestigt.
Renate Rastätter, bildungspolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion hat inzwischen die Antwort auf den neuen Antrag (Fremdsprachenfolge im Gymnasium – Zukunft von Latein als 2. Fremdsprache und Beginn der 2. Fremdsprache Drucksache 14/1237) der Grünen zur Sprachenfolge im Gymnasium am Oberrhein erhalten und stellt fest, dass die Zahlen schwarz auf weiß belegen, dass durch die Französischpflicht eine klare Benachteiligung für die Schülerinnen und Schüler an der Rheinschiene entsteht. Hier nur zwei Beispiele:
1. Im Bereich der englischen Grundschulfremdsprache fangen die Schülerinnen und Schüler überwiegend erst im 6. Schuljahr mit der 2. Fremdsprache an (rund 80%), in der Rheinschiene dagegen bereits im 5. Schuljahr (rund 80%). Damit sind die Schülerinnen und Schüler im Bereich der französischen Grundschulfremdsprache stärker beim ohnehin schwierigen Übergang von der Grundschule ins Gymnasium belastet.
2. Die Sprachenfolge Englisch und Latein ist bisher in ganz Baden-Württemberg sehr stark nachgefragt worden. Hier die Zahlen für dieses Schuljahr (2006/2007):
E/L | L/E (Biberacher Modell) | Summe | |
Regierungsbezirk Stuttgart | 27,0 % | 4,6 % | 31,6 % |
Regierungsbezirk Karlsruhe | |||
Bereich GS-Fremdsprache Englisch | 38,8 % | 5,8 % | 44,6 % |
Bereich GS-Fremdsprache Französisch | 34,5 % | 6,7 % | 41,2 % |
Regierungsbezirk Freiburg | |||
Bereich GS-Fremdsprache Englisch | 21,8 % | 5,1 % | 26,9 % |
Bereich GS-Fremdsprache Französisch | 17, 0 % | 6,8 % | 23,8 % |
Regierungsbezirk Tübingen | 21,0 % | 4,2 % | 25,2 % |
Somit zeigt sich, dass im Regierungsbezirk Karlsruhe die Sprachenkombination Englisch und Latein über 40% liegt. Wenn ein solches bewährtes Angebot durch die Französischpflicht gestrichen wird, ist doch klar, dass die Eltern auf die Barrikaden gehen. Frau Rastätter kündigt die Behandlung des Antrags, versehen mit einem Beschlussteil, am 11. Juli im Schulausschuss des Landtags an.
„Die größte Hoffnung jedoch“, erklären Rastätter und Splett abschließend, „setzen wir inzwischen in die Klage der Eltern.“